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Zur Geschichte des
Tiroler Volksliedarchivs / Tiroler Volksliedwerks

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in unserer Festschrift zum 100-Jahr Jubiläum

Im Jahr 1905 wurde der "Arbeitsausschuss für Tirol und Vorarlberg" gegründet.
Es war dies einer von insgesamt 20 Ausschüssen des groß angelegten Österreichischen Volkliedunternehmens, das vom k.k. Ministerium für Unterricht und Kultus durchgeführt wurde. Ziel war es, die Volksmusik der in den Kronländern der Monarchie lebenden Völker zu sammeln, um sie anschließend für eine mehrbändige Publikation aufzubereiten.
Nach acht Jahren haben in Tirol 171 Personen - "vom Bauernknecht bis zum Hofrat, vom Arbeiter bis zum Kapuziner" - bereits an die 20.000 Belege zusammengetragen.

Nach Auflösung der Monarchie wurden die in der Republik Österreich verbliebenen Arbeitsausschüsse 1919 im "Österreichischen Volksliedunternehmen" beim Unterrichtsministerium zusammengefasst. Die geplante "Große Quellenausgabe" konnte aufgrund fehlender sachlicher und finanzieller Grundlagen nicht mehr realisiert werden. Der 1918 herausgekommene "Probeband" erschien 2004 in der Reihe COMPA des Österreichischen Volksliedwerks als Sonderband ("Das Volkslied in Österreich", Böhlau-Verlag).
Da jedes Bundesland einen eigenen Ausschuss bekam, wurden die Vorarlberger Bestände nach Bregenz überstellt.

Aber schon 1938 wurden entsprechend der nationalsozialistischen Gaueinteilung Vorarlberg und Tirol wieder vereint. Diesen Gauausschuss unterstellte man dem Standschützenverband. Mit Kriegsbeginn kamen die anlaufenden Arbeiten zum Stillstand.
Als Innsbruck Ende 1943 von Fliegern angegriffen wurde, begann man mit der Umsiedlung der wertvollsten Archivalien in das Schwazer Paulinum. Die in Innsbruck verbliebenen handgeschriebenen Kirchensingerbücher sowie die umfangreiche Bibliothek fielen jedoch Bomben und Plünderern zum Opfer. Als in den letzten Kriegsmonaten im Paulinum ein Feldlazarett eingerichtet wurde, verwendete man die leeren Rückseiten der Liedaufzeichnungen und Karteiblätter als Schreibmaterial!

Noch 1945 gründete das Bundesministerium für Unterricht nach dem Vorbild des früheren Volksliedunternehmens das "Österreichische Volksliedwerk". Vorarlberg wurde wieder selbständig und in Tirol bestellte man den Kulturreferenten der Landesregierung Dr. Hans Gamper zum Vorsitzenden. Dieser gab das Archiv, das man nun in einem Raum der Universität Innsbruck untergebrachte, unter die Obhut des Volkskundlers Anton DÖRRER.

Anfang 1961 wurde das Archiv in das Tiroler Landesmuseum übersiedelt und erstmals von einem bedeutenden Musikwissenschaftler, nämlich Walter SENN, betreut. Beim Überprüfen des Inventars stellte er fest, dass durch den Krieg mehr als die Hälfte der Sammlung verloren gegangen war.

Als im Herbst 1965 Landeshauptmannstellvertreter Dr. Fritz Prior den Vorsitz übernahm, schritt er umgehend zur Gründung eines neuen Arbeitsausschusses, der sich neben den Forschungsaufgaben auch mit der praktischen Volksmusikförderung befassen sollte. 1967 wurde Norbert WALLNER mit der Leitung des Tiroler Volksliedarchivs betraut, das 1971 erneut umgesiedelt wurde und in das Zeughaus kam. Wallner vermehrte die Sammlung geistlicher Lieder und legte das Augenmerk nun auch auf die Pflege. In Zusammenarbeit mit dem Tiroler Volksmusikverein erschienen die "Tiroler Singblätter". Bekannt wurde er durch seine Radiosendungen, die Einführung der Adventsingen (erstmals 1966 im Stift Wilten) oder Lieder wie Das ist die stillste Zeit im Jahr und Zu guater Stund a Liadl.

Zur rechtlichen und finanziellen Absicherung der Forschungseinrichtung schuf man 1974 den Verein "Österreichisches Volksliedwerk (Verband der Volksliedwerke der Bundesländer)". Der Tiroler Ausschuss wurde nun ein eigener, dem Dachverband angeschlossener Verein. Das Volksliedarchiv gelangte in das Eigentum des Landes Tirol und wurde seither vom TIROLER VOLKSLIEDWERK verwaltet.

Nach dem Ableben von Wallner übernahm 1977 Karl HORAK die Leitung. Als vordringlichste Aufgabe sah er die Erschließung der Bestände für die wissenschaftliche und pflegerische Auswertung. Der größte Teil der ca. 15.000 vorhandenen Aufzeichnungen wurde übertragen und durch Karteien erschlossen.
Anfang 1985 wurde das Archiv im Leuthaus des Stiftes Wilten einquartiert.

Auf Karl Horak folgte 1989 Manfred SCHNEIDER als Archivleiter. Bis heute hat er diese Funktion sowie die des Obmannes des Vereins Tiroler Volksliedwerk inne.

Der im Tiroler Landesmuseum als Kustos der Musiksammlung angestellte Musikwissenschaftler erkannte bald, dass die Aufarbeitung des bereits Gesammelten nicht primäre Aufgabe der Institution sein kann. Vor allem im Wissen um die ungewöhnliche Musikalität und die Existenz unzähliger Sänger und Musikanten im Land sowie die Tatsache, dass eigentlich nur Tonaufnahmen verlässliche Quellen sein können, ließen ihn als erster in Tirol konsequente und systematische Feldforschung betreiben.

Mehrere Jahre suchte er in ganz Osttirol mit unermüdlichem Einsatz alle ihm zugänglichen Sänger auf, kopierte Hunderte von handschriftlichen Liederbüchern. In Südtirol erforschte und erkannte er als erster die ungewöhnliche Fünf- bzw. Sechsstimmigkeit der sogenannten Kirchensinger, deren es damals schon nur mehr wenige gab. Insgesamt brachte er - abgesehen von unzähligen Liederbüchern in Original und Kopie - an die 4.600 Tonaufnahmen ein!

In der Folge begnügte er sich aber nicht damit, seine Schätze zu archivieren, sondern stellte sie in den Dienst der Volksliedpflege: Mit viel Feingefühl und großer Liebe zur Sache stellte er aus dem Repertoire der Kirchensinger über einem Zeitraum von sechs Jahren (1988-1993) unter anderem "Klingende Tiroler Weihnachtskrippen" zusammen, die in Form von Tiroler Weihnachtssingen im Landesmuseum aufgeführt wurden und auf CD dokumentiert sind. Vom Sammler über den Konzertveranstalter bis zum Herausgeber deckte er alles in Personalunion ab. Später folgten die Passions- und Ostersingen sowie die Tyroliennes mit historischer Tiroler Volksmusik.

Neben zahlreichen Aufsätzen etwa über das Neujahransingen im Ultental, über die Ringelstöcke der Hirten in Weihnachtskrippen, den Teufel als Tänzer oder die Eigenheiten von Herdengeläute war und ist es Schneider immer auch ein Anliegen, die eigene musikalische Volkskultur einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen: So entstanden die Publikationen Jodler aus Tirol und Lieder für die Weihnachtszeit nach Tiroler Quellen, die auf diesem Sektor Standardwerke sind.

Manfred Schneider musste weitere Umsiedlungen des Archivs erleben: Vom Leuthaus zog man 1993 gemeinsam mit anderen volkskulturellen Vereinen in das benachbarte KulturGastHaus Bierstindl. Da die dortigen Räumlichkeiten jedoch vor allem für die zu verwahrenden Schätze ungeeignet sind, wurde 2004 die Eingliederung des Archivs in das Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum beschlossen.

Seit dem Frühjahr 2007 wird das Tiroler Volksliedarchiv von der Tiroler Landesmuseenbetriebsges.m.b.H. verwaltet.
Der Verein Tiroler Volksliedwerk ist damit seine Verwaltungsfunktion entbunden und heute ein Verein mit mehreren hundert Mitgliedern, die die Aufgaben des Archivs ideell unterstützen und fördern.

Ausführlicheres zur Geschichte in der Festschrift auf den Seiten 3-5.